Die Nachtkerze - essbare Wildpflanze und Heilpflanze des Jahres 2026
- Sigrid Strieder

- vor 5 Stunden
- 6 Min. Lesezeit

Es gibt Pflanzen, die drängen sich nicht auf. Sie blühen nicht laut, sie fordern keine Aufmerksamkeit ein. Und doch bleiben sie, wenn man sie einmal wahrgenommen hat, in Erinnerung. Die Nachtkerze ist so eine Pflanze. Vielleicht bist du ihr schon begegnet – am Rand eines Feldwegs, auf einer Brachfläche, an einem sonnigen Bahndamm. Unscheinbar am Tag, fast unspektakulär. Und doch beginnt ihr eigentliches Wesen erst dann, wenn der Abend kommt.
Mit der Dämmerung öffnen sich ihre zarten, gelben Blüten. Fast geräuschlos, aber entschlossen. Als würde sie sagen: Jetzt ist meine Zeit. Dass ausgerechnet sie zur Heilpflanze des Jahres 2026 gewählt wurde, ist kein Zufall. Die Nachtkerze steht exemplarisch für vieles, was in der heutigen Naturheilkunde wieder wichtiger wird: leise Wirksamkeit und Tiefe statt Effekt.
Warum die Nachtkerze zur Heilpflanze des Jahres 2026 wurde
Dass die Nachtkerze zur Heilpflanze des Jahres 2026 gekürt wurde, erscheint mir mehr als eine rein fachliche Entscheidung. Der NHV Theophrastus hat mit dieser Wahl bewusst eine Pflanze in den Mittelpunkt gestellt, die nicht durch Schnelligkeit oder spektakuläre Effekte auffällt, sondern durch Beständigkeit und Tiefe.
Die Nachtkerze steht für einen Heilpflanzenansatz, der heute wieder an Bedeutung gewinnt: Regulation statt Reparatur, Begleitung statt Eingriff. Sie wirkt dort, wo Prozesse aus dem Gleichgewicht geraten sind – oft schleichend, oft unbemerkt. Gerade bei chronischen Entzündungen, hormonellen Verschiebungen, Hautthemen oder diffuser Erschöpfung braucht es keine laute Pflanze, sondern eine, die Geduld mitbringt.
Ein zentrales Motiv der Wahl ist auch ihre Verbindung zwischen Ernährung, Zellstoffwechsel und innerer Balance. Die in ihren Samen enthaltene Gamma-Linolensäure macht deutlich, wie eng Heilpflanzenwissen und moderne biochemische Zusammenhänge miteinander verwoben sind. Die Nachtkerze schlägt hier eine Brücke zwischen traditioneller Naturheilkunde und aktuellen Fragestellungen unserer Zeit.
Und dann ist da noch ihre stille Symbolik. Die Nachtkerze öffnet ihre Blüten, wenn der Tag zur Ruhe kommt. Nicht am helllichten Mittag, sondern am Übergang. Vielleicht ist genau das ihre Botschaft: Heilung beginnt oft nicht im Tun, sondern im Zulassen. Nicht im Beschleunigen, sondern im Innehalten.
Mit der Nachtkerze als Heilpflanze des Jahres wird kein spektakuläres Versprechen gegeben. Stattdessen rückt eine Pflanze ins Licht, die uns daran erinnert, dass nachhaltige Gesundheit Zeit braucht – und Beziehung. Zur Pflanze, zur Natur und letztlich zu uns selbst.
Eine Pflanze mit Geschichte – und Gegenwartsbezug
Die Gemeine Nachtkerze (Oenothera biennis) stammt ursprünglich aus Nordamerika und fand ihren Weg nach Europa im 17. Jahrhundert. Zunächst als Zierpflanze, später als robuste Wildpflanze, die sich an kargen Standorten behaupten konnte. Heute ist sie fest eingebürgert und wächst dort, wo der Boden offen ist und Licht vorhanden – an Übergängen, an Rändern, an Orten des Wandels.
Vielleicht ist genau das ein Schlüssel zu ihrem Wesen. Die Nachtkerze ist keine Pflanze der perfekten Gärten. Sie braucht keinen nährstoffreichen Boden, keine Pflege. Sie kommt mit wenig aus und gibt dennoch viel. In der Naturheilkunde wird sie seit Jahrzehnten geschätzt, vor allem wegen ihrer Samen und des daraus gewonnenen Öls. Doch ihr Potenzial reicht weiter – auch als essbare Wildpflanze und als Heilpflanze im klassischen Sinn.
Essbare Wildpflanze: zart, nahrhaft, unterschätzt
Wenn von der Nachtkerze die Rede ist, denken viele ausschließlich an das Nachtkerzenöl. Dabei ist die Pflanze in nahezu allen Teilen essbar – ein Aspekt, der heute langsam wiederentdeckt wird.
Die Wurzel – „Schinkenwurzel“ mit Geschichte
Im ersten Jahr bildet die Nachtkerze eine kräftige Pfahlwurzel. Diese wurde früher geschätzt und sogar als „Schinkenwurzel“ bezeichnet, da ihr Geschmack leicht an gekochten Schinken erinnert. Gegart oder fein geschnitten kann sie als Gemüse verwendet werden, etwa in Suppen oder Pfannengerichten. Sie enthält Schleimstoffe, Inulin und Mineralstoffe und ist gut bekömmlich.
Die Blätter – mild und vielseitig
Die jungen Blätter lassen sich roh oder gegart verwenden. Ihr Geschmack ist mild, leicht nussig, und sie passen gut in Wildkräutersalate oder als Spinatersatz. Wie bei allen Wildpflanzen gilt: jung ernten, maßvoll verwenden, achtsam beobachten, wie der eigene Körper reagiert.
Die Blüten – Nahrung für Auge und Nervensystem
Die Blüten sind essbar und vor allem eines: ein Erlebnis. Nicht nur optisch, sondern auch energetisch. Viele Menschen beschreiben sie als „öffnend“, „beruhigend“, „klärend“. Sie eignen sich als essbare Dekoration, für Teemischungen oder zur sanften aromatischen Note in Speisen.
Anwendungsbeispiel: Nachtkerzenblüten-Tee
Ein milder Tee, der besonders abends als ruhiger Begleiter geschätzt wird.
1–2 frische oder getrocknete Nachtkerzenblüten
mit heißem, nicht kochendem Wasser übergießen
5–7 Minuten ziehen lassen
Heilpflanze mit Tiefe – was die Nachtkerze auszeichnet
In der Heilkunde steht die Nachtkerze vor allem für Regulation. Nicht im Sinne eines schnellen Eingreifens, sondern als Impulsgeberin für Prozesse, die aus dem Gleichgewicht geraten sind.
Besonders bekannt ist das aus den Samen gewonnene Nachtkerzenöl. Es enthält einen hohen Anteil an Gamma-Linolensäure, einer mehrfach ungesättigten Fettsäure, die im Stoffwechsel eine wichtige Rolle spielt – unter anderem im Zusammenhang mit Entzündungsprozessen, Hautstoffwechsel und hormoneller Balance.
Traditionell wird die Nachtkerze eingesetzt bei:
Hautthemen wie Trockenheit, Spannungsgefühl, Juckreiz
zyklusabhängigen Beschwerden
innerer Unruhe, besonders in Übergangsphasen
allgemeinen Regulationsstörungen, bei denen der Körper „nicht mehr richtig schwingt“
Dabei ist wichtig: Die Nachtkerze wirkt nicht symptomunterdrückend. Sie lädt den Organismus ein, sich neu auszurichten. Das braucht Zeit – und Aufmerksamkeit.
Die Heilwirkungen der Nachtkerze – genauer betrachtet
Die Heilkraft der Nachtkerze entfaltet sich nicht über einen einzelnen Wirkmechanismus, sondern über ein Zusammenspiel ihrer Inhaltsstoffe. Genau das macht sie zu einer klassischen Regulationspflanze, die in der Naturheilkunde seit langem geschätzt wird.
Wirkung auf Haut und Schleimhäute
Die Samen der Nachtkerze enthalten einen hohen Anteil an Gamma-Linolensäure, einer mehrfach ungesättigten Fettsäure. Diese ist ein wichtiger Baustein für die Bildung entzündungsmodulierender Botenstoffe. In der naturheilkundlichen Praxis wird die Nachtkerze deshalb häufig begleitend eingesetzt bei trockener, empfindlicher oder reaktionsbereiter Haut sowie bei Spannungs- und Juckreizempfinden. Auch Schleimhäute können von einer verbesserten Fettstoffwechselbalance profitieren.
Einfluss auf Entzündungsprozesse
Die Gamma-Linolensäure steht im Stoffwechsel an einer zentralen Schnittstelle entzündlicher und regulierender Prozesse. Sie kann dazu beitragen, entzündliche Reaktionsketten günstig zu beeinflussen – nicht abrupt, sondern über eine schrittweise Umstimmung. Das macht die Nachtkerze besonders interessant bei länger bestehenden, niedriggradigen Entzündungsprozessen, wie sie heute häufig beobachtet werden.
Begleitung hormoneller Übergangsphasen
In der Naturheilkunde wird die Nachtkerze traditionell auch im Zusammenhang mit zyklusabhängigen Beschwerden und hormonellen Übergangsphasen eingesetzt. Ihre Inhaltsstoffe wirken nicht hormonell im engeren Sinne, sondern unterstützen Prozesse, die an der hormonellen Regulation beteiligt sind – insbesondere über den Fettstoffwechsel und entzündungsmodulierende Signalwege.
Wirkung auf Nerven und innere Spannungszustände
Als essbare Wildpflanze liefert die Nachtkerze neben Fettsäuren auch sekundäre Pflanzenstoffe und Mineralien. In Tees oder milden Zubereitungen wird sie deshalb als sanfter Begleiter bei innerer Unruhe, Anspannung und Erschöpfung geschätzt. Ihre Wirkung ist nicht sedierend, sondern eher ordnend und ausgleichend.
Verdauung und Stoffwechsel
Die Wurzel der Nachtkerze enthält Inulin, einen präbiotisch wirksamen Ballaststoff. In der traditionellen Nutzung wurde sie daher auch als nahrhafte und gut verträgliche Wildpflanze geschätzt, die den Stoffwechsel unterstützt und die Darmflora günstig beeinflussen kann – ein Aspekt, der heute wieder an Bedeutung gewinnt.
Verarbeitung und Aufbereitung – bewusst und sorgfältig
Nachtkerzenöl
Das Öl wird aus den reifen Samen gewonnen, idealerweise kaltgepresst. Es ist empfindlich gegenüber Licht und Wärme und sollte stets frisch und hochwertig verwendet werden. In der naturheilkundlichen Praxis kommt es innerlich wie äußerlich zum Einsatz.
Tinktur aus Kraut oder Wurzel
Eine Tinktur lässt sich aus dem Kraut oder der Wurzel herstellen. Dafür wird die frische Pflanze klein geschnitten und mit hochprozentigem Alkohol angesetzt. Nach mehreren Wochen Ziehzeit wird abgefiltert. Solche Zubereitungen gehören in kundige Hände und sollten bewusst und maßvoll verwendet werden.
Tee
Blätter und Blüten können als milder Tee zubereitet werden. Die Wirkung ist sanft, eher begleitend, und eignet sich gut als Abendtee – passend zur Natur der Pflanze.
Achtsamkeit beim Sammeln: Bestimmen ist Pflicht, nicht Kür
So lohnenswert die Beschäftigung mit essbaren Wildpflanzen ist – sie verlangt Verantwortung. Die Nachtkerze ist zwar gut bestimmbar, dennoch gilt: Sammle nur, was du zweifelsfrei erkennst.
Die Nachtkerze hat einige charakteristische Merkmale:
zweijähriger Wuchs
große gelbe Blüten, die sich abends öffnen
längliche, rosettig angeordnete Blätter
vierzählige Blütenblätter
Trotzdem ersetzt kein Buch und kein Artikel die echte Auseinandersetzung in der Natur. Wer Wildpflanzen nutzen möchte, sollte sich Zeit nehmen, sie über den Jahresverlauf hinweg zu beobachten, zu fühlen, zu riechen – und im Zweifel lieber stehen zu lassen.
Warum sich die Beschäftigung mit Wildpflanzen lohnt
Wildpflanzen bringen uns zurück in Beziehung. Zu unserer Umgebung, zu den Jahreszeiten, zu unserem eigenen Körper. Sie wachsen dort, wo wir leben. Sie sind nicht standardisiert, nicht normiert, nicht optimiert. Und genau darin liegt ihre Kraft.
Die Nachtkerze ist dafür ein wunderbares Beispiel. Sie zeigt, dass Heilung nicht laut sein muss. Dass Wirksamkeit auch sanft sein darf. Und dass es manchmal reicht, abends innezuhalten und einer Blüte beim Öffnen zuzusehen.
PS:
Wenn du neugierig geworden bist auf essbare Wildpflanzen und ihre Bedeutung für Gesundheit, schau gerne immer mal wieder für Kurse oder kleine Pflanzenportraits auf meiner Seite für essbare Wildpflanzen vorbei.


