top of page

Borreliose erkennen: Warum die Diagnose so oft übersehen wird

  • Autorenbild: Sigrid Strieder
    Sigrid Strieder
  • 20. Juli
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 31. Juli

Borreliose und Zecken
Borreliose und Zecken

Stell dir vor, dein Körper ist ein Haus mit vielen Zimmern – Gelenke, Nerven, Haut, Muskeln, Kopf. Normalerweise weißt du sofort, wenn in einem Zimmer etwas nicht stimmt. Aber was, wenn sich etwas einschleicht, das sich nicht in einem Zimmer festsetzt, sondern von Raum zu Raum wandert? Mal klopft es an der Tür der Gelenke, mal an der des Nervensystems, mal scheint es einfach nur die Energie aus dem ganzen Haus zu ziehen. Genau das kann Borreliose tun – und genau das macht sie so schwer zu fassen.


Der Auslöser dahinter ist oft unscheinbar: ein Nachmittag im Garten, eine Wanderung durchs hohe Gras, eine Zecke am Körper am Abend. Ein Stich, ein bisschen Ärger – und dann meist schnell vergessen.


Viele denken bei Zecken vor allem an FSME, weil es dagegen ja eine Impfung gibt. Was dabei oft untergeht: Diese Impfung soll ausschließlich gegen FSME schützen – eine Erkrankung, die deutlich seltener auftritt als Borreliose. Gegen Borrelien selbst und ihre Begleiterreger wirkt sie nicht.


Und Zecken sind auch nicht die einzigen, die Borrelien übertragen können. Auch Bremsen und andere stechende Insekten stehen im Verdacht. Wer also nur an den einen Waldspaziergang und die eine entfernte Zecke denkt, unterschätzt womöglich, wie viele Gelegenheiten es für eine Infektion gibt – und wie lange sie unbemerkt im Haus wandern kann, bevor sie sich zeigt.


Wenn Beschwerden kommen, ohne dass jemand weiß, warum

Vielleicht kennst du das: Du wachst morgens auf, als hättest du gar nicht geschlafen. Der Hausarzt nimmt Blut ab, mehrfach. Die Werte: unauffällig. Irgendwann fällt der Satz, den so viele kennen: „Vielleicht ist es einfach der Stress." Niemand denkt an die Zecke von letztem Sommer – wer würde das auch, Monate später, bei Gelenkschmerzen statt Fieber?


Diese Erfahrung, oder Varianten davon, begegnet vielen, die sich mit Borreliose beschäftigen. Nicht, weil jede Erschöpfung eine Borreliose ist – aber weil Borreliose eine der Erkrankungen ist, die sich hinter genau solchen unklaren Beschwerdebildern verstecken kann, ohne dass jemand danach sucht.


Woran eine Borreliose zu erkennen sein kann

Die bekannteste Anzeige ist die Wanderröte, das sogenannte Erythema migrans – ein ringförmiger roter Fleck, der sich vom Stich aus langsam ausbreitet. Das Problem: Diese Röte tritt nicht bei jeder Infektion auf. Und wenn sie auftritt, dann manchmal erst Wochen nach dem Stich – zu einem Zeitpunkt, an dem sich niemand mehr an die Zecke erinnert.


Genau das macht Borreliose zu einer Erkrankung mit vielen Gesichtern. Mögliche Anzeichen können zum Beispiel sein:

  • Gelenkbeschwerden, die wandern oder immer wiederkehren

  • Anhaltende Erschöpfung, für die keine Ursache gefunden wird

  • Hautveränderungen, die niemand richtig einordnen kann

  • Beschwerden des Nervensystems – von Konzentrationsproblemen bis zu Missempfindungen, bei der sogenannten Neuroborreliose

  • Muskelschmerzen und Verspannungen ohne erkennbaren Auslöser

  • Schlafstörungen und ein Gefühl innerer Unruhe

  • Herzrhythmusstörungen oder ein unregelmäßiger Puls

  • Stimmungsschwankungen bis hin zu depressiven Verstimmungen


Diese Liste ist nicht vollständig – Borreliose kann sich sehr unterschiedlich zeigen, und selten treten alle Anzeichen gleichzeitig auf. Wenn Co-Erreger wie Bartonellen oder Babesien mit übertragen wurden, kommt oft noch eine eigene Symptomatik hinzu, die das Bild zusätzlich verschiebt. Neben diesen beiden werden gelegentlich auch andere Erreger wie Anaplasmen oder Rickettsien mit übertragen – auch sie können das Beschwerdebild zusätzlich verändern. Für Betroffene bedeutet das oft eine lange Reise durch verschiedene Facharztpraxen – mit vielen Befunden, aber ohne eine Diagnose, die alles erklärt.


Wenn Borreliose mit anderen Diagnosen verwechselt wird

Gerade wenn eine Borreliose lange unerkannt bleibt und sich chronifiziert, ähnelt das Beschwerdebild oft anderen bekannten Diagnosen. Fibromyalgie, das chronische Erschöpfungssyndrom (ME/CFS) und in manchen Fällen sogar Multiple Sklerose werden in diesem Zusammenhang diskutiert – nicht, weil diese Erkrankungen "eigentlich" Borreliose wären, sondern weil sich die Beschwerdebilder in Teilen überschneiden können. Das macht eine sorgfältige Differenzialdiagnostik so wichtig: Borreliose sollte als ein möglicher Faktor mitgedacht werden, ohne bestehende Diagnosen infrage zu stellen.


Warum die Diagnose so schwer zu stellen ist

Ein Grund, warum Borreliose so oft übersehen wird, liegt in der Diagnostik selbst. Der klassische Bluttest (ELISA, gegebenenfalls bestätigt durch einen Western Blot) weist nicht die Erreger selbst nach, sondern Antikörper, die der Körper gegen sie gebildet hat. Ist das Immunsystem geschwächt oder war die Infektion noch zu frisch, werden mitunter gar nicht genug Antikörper gebildet – der Test fällt dann negativ aus, obwohl eine Infektion vorliegt. Auch die Untersuchung des Nervenwassers (Liquor) liefert kein sicheres Bild. Eine Diagnose lässt sich meist nur stellen, wenn mehrere Faktoren zusammen betrachtet werden: die Krankengeschichte, die Symptomatik, verschiedene Laborwerte und der bisherige Verlauf.


Dazu kommt eine Besonderheit der Borrelien selbst: Unter ungünstigen Bedingungen können sie eine Art Schutzform annehmen, die sogenannte Zystenform. In diesem Zustand sind sie kaum erreichbar – auch nicht für Antibiotika. Verändern sich die Bedingungen später wieder, etwa weil das Immunsystem geschwächt ist, können sich daraus erneut aktive Erreger bilden. Manche Fachleute diskutieren zudem, ob die Auseinandersetzung des Immunsystems mit diesen Zystenformen zu Autoimmunreaktionen beitragen kann – ein Erklärungsansatz für die vielschichtigen, oft schwer greifbaren Beschwerdebilder bei chronischen Verläufen.


Eine weitere Schutzstrategie, die im Zusammenhang mit Borrelien diskutiert wird, sind sogenannte Biofilme – gemeinschaftlich gebildete Schutzschichten, in denen sich Erreger regelrecht einigeln können. Auch hier gilt: Für das Immunsystem und für Antibiotika wird der Zugriff dadurch erheblich erschwert.


Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang zunehmend auch in der Schulmedizin verwendet wird, ist das sogenannte Post-Treatment Lyme Disease Syndrome (PTLDS): Damit werden Beschwerden wie Erschöpfung, Gelenkschmerzen oder Konzentrationsprobleme bezeichnet, die auch nach einer regulär durchgeführten Antibiotikatherapie über Monate hinweg bestehen bleiben können. Die genaue Ursache ist bislang nicht abschließend geklärt – diskutiert werden sowohl Autoimmunreaktionen auf zurückgebliebene bakterielle Bestandteile als auch eine mögliche, schwer nachweisbare Persistenz der Erreger selbst.


Verstärkt werden kann eine Borreliose außerdem durch zusätzliche Belastungen, etwa durch toxische Metalle wie Aluminium oder andere Faktoren, die das Immunsystem zusätzlich schwächen. In der ursachenorientierten Medizin wird dieser Zusammenhang als wichtiger Baustein der Gesamtbetrachtung gesehen.


Ist das Immunsystem durch eine Borreliose dauerhaft geschwächt, kann sich das Problem noch erweitern: Auch andere Erreger, die üblicherweise ruhend im Körper vorliegen – etwa Herpesviren oder das Epstein-Barr-Virus – können unter diesen Bedingungen reaktiviert werden und sich zusätzlich auf das Beschwerdebild auflagern. Für Betroffene bedeutet das mitunter, dass sich mehrere Baustellen gleichzeitig zeigen, ohne dass auf den ersten Blick ein gemeinsamer Nenner erkennbar ist.


Behandlungsansätze

Bei der Behandlung von Borreliose gibt es nicht den einen Weg. Schulmedizinisch wird in der Regel mit Antibiotika gearbeitet. Viele Patientinnen entscheiden sich jedoch – gerade bei chronischen oder wiederkehrenden Verläufen – bewusst für einen naturheilkundlichen Behandlungsweg, sei es allein oder in Kombination mit schulmedizinischen Maßnahmen.


Welcher Weg im Einzelfall der richtige ist, hängt vom individuellen Beschwerdebild, der Vorgeschichte und den persönlichen Prioritäten ab und wird am besten im ausführlichen Gespräch mit dem Therapeuten geklärt. Was für beide Wege gilt: Die Behandlung einer chronischen Borreliose braucht oft einen langen Atem – schnelle Lösungen sind selten realistisch, unabhängig vom gewählten Ansatz.


Zu Beginn einer Behandlung kann es außerdem vorübergehend zu einer Verschlechterung der Beschwerden kommen – bekannt als Herxheimer-Reaktion. Sterben Erreger ab, werden dabei Stoffe freigesetzt, auf die der Körper zunächst mit verstärkten Symptomen reagieren kann. Das wird von Betroffenen oft als beunruhigend erlebt, ist in diesem Zusammenhang aber ein bekanntes Phänomen und kein Zeichen dafür, dass die Behandlung nicht anschlägt. Wichtig ist, eine solche Reaktion mit dem Therapeuten zu besprechen, statt sie auf eigene Faust einzuordnen.


Prophylaxe: Was helfen kann

Ein paar einfache Gewohnheiten senken das Risiko spürbar:

  • Lange Kleidung tragen, wenn du durch hohes Gras oder Unterholz gehst

  • Nach Aufenthalten in Wald, hohem Gras oder im eigenen Garten den Körper gründlich absuchen

  • Ein Anti-Zeckenspray kann in gefährdeten Bereichen zusätzlich Sicherheit geben – ersetzt die Körperkontrolle aber nicht

  • Eine gefundene Zecke zügig und vorsichtig mit einer Zeckenkarte oder Zeckenzange entfernen: Die Erreger werden meist erst gegen Ende des Saugvorgangs übertragen, schnelles Handeln senkt das Risiko deutlich

  • Wer unsicher ist, kann die entfernte Zecke in einem geeigneten Behälter aufbewahren und im Labor auf Erreger untersuchen lassen

  • Cystus incanus Tee von guter Qualität, 3-4 Tassen am Tag, kann die Anfälligkeit für Zeckenstiche reduzieren.


Ein Gedanke, den es sich zu behalten lohnt

Borreliose ist eine Erkrankung, die häufiger vorkommt, als viele denken – und die gerade wegen ihrer vielen Gesichter oft lange unerkannt bleibt. Wer die Anzeichen kennt und weiß, worauf es bei der Vorbeugung ankommt, ist im Vorteil. Und wer seit Langem mit unklaren Beschwerden zu kämpfen hat, für die bisher niemand eine Erklärung gefunden hat, tut gut daran, Borreliose als möglichen Baustein mitzudenken.



PS: Wenn du dich in diesem Artikel wiedererkennst – ob durch anhaltende Erschöpfung, wandernde Gelenkbeschwerden oder einfach durch die Frage, ob da vielleicht doch mehr dahintersteckt – dann sprich mich gerne an. In der Praxis schauen wir gemeinsam auf dein individuelles Bild und die möglichen Ursachen dahinter.


Newsletter

Du liest gerne Beiträge wie diesen? Einmal im Monat schreibe ich über naturheilkundliche Themen, Neues aus der Praxis und Aktuelles aus der Gesundheitswelt – direkt in dein Postfach.


bottom of page